Lesbos: Ein Zwischenbericht

Heute fand der Social Event im Rahmen der IPICS statt. Um kurz nach 9 Uhr ging es mit dem Bus (siehe Bild) zum ersten der drei Zwischenstopps, der Ouzo Fabrik. Uhrzeit-bedingt war die Kostprobe doch eher was für Hartgesottene, aber die kurze Führung war sehr nett.

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Die Firma gehört mittlerweile dem französischen Pernot-Ricard Konzern, worüber die 30 Angestellten sehr froh sind. Anderenfalls wären wohl nur mehr hab so viele Mitarbeiter dort, denn durch die erweiterte Produktpalette kann flexibler auf die Nachfrageschwankungen reagiert werden. Somit riecht es dort nicht nur nach Anis, sondern auch nach Kräuterschnaps und Gin. Weiter gings zum Oliven-Öl-Museum, in dem wir die Geschichte der kommunal betriebenen Olivenölpresse seit 1910 und deren Auswirkungen auf die Gemeinde in einem griechischen Video mit englischen Untertiteln kennen lernen durften.

Durch diese Mühle konnte dort grundlegende Infrastruktur kommunal finanziert werden und so wurden beispielsweise Schulen, Altenheime und weitere soziale Einrichtungen errichtet. Auch dort gab es wieder eine Kostprobe, leider aber kein Öl zu kaufen.

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Während der Fahrt stellte sich bald heraus, dass unser Busfahrer M. perfekt Deutsch spricht, da er mit seinen Eltern, die damals als Gastarbeiter in Deutschland arbeiteten, in Hessen lebte und dort bis zu seiner Pensionierung gearbeitet hatte. M. war sehr an der Lage in Österreich interessiert und begann von sich aus sehr bereitwillig über seine Erfahrungen und Einschätzungen der aktuellen Lage zu erzählen.

Die vielen Flüchtlinge, die uns auch auf dieser Fahrt wieder auf der Straße entgegen kamen, kommen  laut M. von der Türkei aus über das etwa 5km breite Meer nach Molyvos. Verlassene, vermutlich undicht gewordene Boote finden sich an den Stränden, was uns auch einer der Vortragenden der Summerschool mit Fotos bestätigen konnte. Man findet auch allenthalben Schwimmwesten in der Nähe des Strandes. In Molyvos wortwörtlich gestrandet, schlagen sich die Flüchtlinge die etwa 65km lange, kurvige und teilweise steile Straße bis zum Inselhauptort Mytilini durch, wo sie sich registrieren lassen können. In Gruppen von 10 bis 30 Personen wandern die Flüchtlinge unter der griechischen Sonne ohne Hab und Gut, teilweise mit Kleinkindern entlang der Straßen. Herr M. meinte, dass die Flüchtlinge Nachts auf den Straßen schlafen und er deswegen besonders vorsichtig fährt. Mitnehmen darf er sie nicht, auch wenn er wollte, denn das werde bestraft und ist nicht gerne gesehen. Sobald sich die Flüchtlinge registrieren konnten, wandern sie zu einem der Lager weiter oder versuchen vom Hafen aus mit einer Fähre Richtung Athen weiter auf das europäische Festland zu wandern.

Sein eigenes Leben betreffend, überlegt Herr M. trotz Pensionierung noch einmal nach Deutschland zu gehen um dort Arbeit als Fernfahrer zu finden. Sein Sohn ist 27 und findet auf der Insel und in Griechenland keine Beschäftigung, trotz Universitätsabschluss in Informatik und intensiver Jobsuche. Er möchte ihm helfen, denn im Gegensatz zu Herrn M. Spricht sein Sohn noch kein Deutsch. Generell ist es so, dass die Jungen, die gut ausgebildet sind und die, die können verständlicherweise versuchen ins europäische Ausland zu migrieren, um dort Arbeit und somit eine Zukunft zu finden. Ob jene, die gehen jemals zurückkehren können ist fraglich, meint Herr M.,der unabhängig von der aktuellen Diskussion um den Verbleib Griechenlands in der Eurozone und weiteren Hilfspaketen davon ausgeht, dass es wohl mindestens 20 Jahre dauern wird, bis es wieder Arbeit für viele geben wird. Um sich selbst macht er sich keine Sorgen, denn er finde immer Arbeit, notfalls im Ausland. Seine Frau und sein kleines (Enkel?)kind verstanden nicht, was er uns hier verriet.

Dass er und seine Landsleute nur 60€ pro Tag abheben können, entlockte ihm nur ein kehliges Lachen.  So viel Geld hätte er seit vielen Jahren nicht mehr zur Verfügung. Was M. viel mehr Sorgen bereitete ist die Liquidität der Händler und ins besondere der Tankstellen. Als Berufskraftfahrer ist er noch mehr auf verfügbare Treibstoffe angewiesen. Denn auch Benzin und Diesel werden nur in Bar gehandelt und zwar nicht nur mit dem Endkunden, sondern auch mit den Mineralölfirmen. Was das bedeutet, kann man sich ausrechnen, denn in einen Tanklaster passen mehrere zehntausend Liter Treibstoff. Dementsprechend viel Bargeld wir hier auf der Insel hin und herbewegt, was auch ein gewisses Sicherheitsrisiko darstellt, weswegen Benzinlieferungen nun mittels bewaffneten Sicherheitsdiensten bewacht werden. Jetzt ist mir auch klar, warum mit Europcar das Auto nur mit einer Viertelfüllung übergeben hat und nicht voll, wie vertraglich vereinbart. So musste ich selbst Tanken und als Tourist hat man genügend Bargeld mit.

Als Ursache für die Misere verortet Herr M. unter anderem die laxe Pensionierungspolitik, insbesondere von Militär und Polizei. Er kenne persönlich mehrere Bundesbedienstete, die mit 45 Jahren kerngesund in die Pension geschickt wurden. Das habe System. Auch seine Frau, die an der Universität bei einem Reinigungsdienst beschäftigt war, ist mit 51 gegangen. Er selbst ist nun 61 und gerade pensioniert worden. Bei ihm stimme das Verhältnis der Beitragsjahre, aber selbst bei seiner Frau war es wohl viel zu wenig.

Als Abschluss der Rundreise auf der Insel besichtigten wir noch Molyvos, die wohl schönste Stadt hier auf Lesbos. Wir tauchten wieder in die heile Welt der Touristen ab, die noch gar nichts von den Spannungen und den vielen Baustellen merken. Erst als wir wieder am Busparkplatz in unser Reisevehikel einsteigen, werden wir von den gut 50 Flüchtlingen wieder daran erinnert, wie sehr die Lebensbedingungen und Realitäten auseinander gehen, einzig entschieden durch die Gnade des Geburtsortes.

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