Eine Liebeserklärung

Es gibt viele Dinge, die ein Lächeln auf mein Gesicht bannen, aber nur wenige die dieses zu einem breiten Grinsen werden lassen. Eine ganz besondere Dame schafft das jedoch so gut wie immer. Sie wiegt in etwa 190 Kilogramm, ist unhandlich, schnell verstimmt und selten anzutreffen. Sie wimmert, wabert, gurgelt, grollt, jammert und stöhnt. Mit ihren Lautäußerungen löst sie wonniges Behagen in mir aus. Bei mir zieht sie alle Register.

Die Rede ist von der legendären Hammond B3, einer elektromechanischen Orgel aus den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Ursprünglich aus der Kirchenmusik kommend, bahnte sie sich ihren musikalischen Weg über Jazz und Blues bis in den Funk.

httpv://www.youtube.com/watch?v=gdbyC1iybzE

Dort blieb sie und manifestierte sich als eines der stil- und tonangebenden Instrumente dieses Genres. An ihre Seite gesellte sich Leslie, eventuell eines der schönsten praktischen Anwendungsbeispiele des Doppler-Effekts. Der rotierende Leslie-Speaker erzeugt einen psycho-akkustischen Effekt durch Schwebungen (Superposition) der Schallwellen (Frequenzen). Durch die schnell wechselnde Tonhöhe entsteht ein schwingender Klang, der den vertrauten Sound der Hammond Orgel ausmacht.

(c) Wikipedia

Aufgrund des komplizierten Aufbaus und der elektro-mechanischen Klangerzeugung ist diese Orgel ein Instrument, das viel Pflege benötigt. Da sie außerdem schwer zu transportieren und in der Anschaffung nicht günstig ist gibt es vollelektronische Nachbauten und Klangsynthesizer. Der Originalsound ist zwar so gut wie nicht zu erreichen, da Abnützung und Alter sich auch im Klang bemerkbar machen, aber inzwischen haben das die Toningenieure meiner Meinung nach recht gut hinbekommen.

Auch im modernen Funk gibt es einige Bands, welche den Hammond Orgel Sound in exzessivem Gebrauch haben – und ich bin ihnen dafür sehr dankbar! Als Beispiele hierfür sind zum Beispiel die australischen Bamboos zu nennen. Wer genau hinsieht kann sogar einen Leslie-Speaker entdecken:

httpv://www.youtube.com/watch?v=EN0B9Zq0Khw

Jedem Funk-Liebhaber ans Herz legen möchte ich außerdem The New Mastersounds und – ganz besonders herrlich – Cookin’ on Three Burners:

httpv://www.youtube.com/watch?v=WT-xQrq5DOQ

httpv://www.youtube.com/watch?v=Sv8HpyoM-aE

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In die Zeit geschaut

Heute fand ich ein wenig Zeit in der ZEIT von vorletzter Woche zu blättern. Dabei bin ich auf ein sehr interessantes Dossier von Roman Pletter zum Thema Lesen gestoßen, in dem eine signifikante Abnahme der Lesekultur in Deutschland erörtert wird. Die jungen Leute lesen zu wenig, und wenn, dann hauptsächlich Onlineinhalte – und da nur die Überschriften, mehr nicht. Hierzulande ist es vermutlich genau so. Laut dem Artikel verbringen über 50-Jährige täglich etwa 45 Minuten mit der Lektüre ihrer Tageszeitung. Wenn man davon ausgeht, dass Onlineleser sich ebenfalls auf einer bevorzugten Nachrichtenseite informieren, dann ist die verbrachte Zeit deutlich geringer. Der durchschnittliche Spiegel Online-Leser verbringt nämlich nur [37 Minuten pro Monat in dem Nachrichtenportal]. Im Vergleich dazu beschäftigen sich die meisten Surfer lieber mit Onlinevideos. Laut einer Studie, haben sich nämlich die [36 Millionen Internetuser aus Deutschland allein im August 6 Milliarden Videos auf Youtube und co angesehen]. Einer schnellen Überschlagsrechnung zufolge, ergibt das einen Durchschnitt von 166 Videos pro User pro Monat. Bei drei Minuten pro Video sind das ca. 8.3 Stunden Video pro Monat. Dass das Web eher mit dem Fernsehen konkurriert als mit der Literatur, ist jedoch wenig überraschend.

Obwohl ich mich selbst zu den Viellesern zähle, gab mir der Artikel zu denken, da ich ebenfalls einer von jenen bin, die mehr und mehr Online lesen – mit interessanten Folgen.

Jedes non-lexikale Printwerk wird sequentiell, von vorne bis hinten, gelesen. Es gibt keine alternativen Pfade durch dieses Medium. Der Autor gibt die Informationsfolge vor, der Leser folgt. Ganz anders verhält es sich bei Onlinemedien. Hier herrscht die [Dikatur des Lesers]. Durch die direkt in den Text integrierten Links ergibt sich eine Fülle von alternativen Lesepfaden, die von der Sequenz einer Seite abweichen und gerade zu verleiten, das aktuelle Dokument zu verlassen. Am schlimmsten äußert sich diese Möglichkeit und ihre Tücken bei der Lektüre von stark verlinkten Seiten wie Wikipedia. Gerade liest man noch einen Eintrag über den eigentlich gesuchten Begriff und findet sich – 4 Klicks und 20 Sekunden später- bei einem völlig anderen Themengebiet wieder, das in jenem Moment wesentlich interessanter erscheint als die ursprünglich angestrebte Information. So war es zum Beispiel heute überhaupt keine Schwierigkeit, vom gesuchten Artikel über das Barwertmodell (Investition und Finanzierung) innerhalb nur weniger Klicks im Themenbereich des organisierten Verbrechens zu landen.

Mein persönlicher Eindruck ist eindeutig: Das Internet hat mein Leseverhalten nachhaltig verändert. Bücher und Zeitungen wird es trotzdem nie verdrängen. Zum Lesen gehört mehr. Das Geräusch des Papiers und die Art und Weise, wie es sich anfühlt. Man kann Bücher auch wundervoll ins Regal stellen und sich damit brüsten, den ein oder anderen (technischen) Schinken gelesen zu haben. Bücher sind die schönsten aller Staubfänger und Bücherläden die einzigen Konsumtempel, in die ich furchtbar gerne gehe. An Büchern fehlt mir höchstens eine Suchfunktion. Vielleicht ließe sich da was erfinden.

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